Wer seit einer gewissen Zeit mit Ananda verbunden ist, dem wird die Praxis des »tithing« vermutlich begegnet sein. Das Wort hat im Deutschen leider keine besonders schöne Übersetzung – es bedeutet soviel wie »den Zehnten zahlen« – eine Praxis, die seit dem Altertum bekannt ist und bei der der zehnte Teil des Einkommens in Geld oder Naturalien an die Kirche oder die weltliche Obrigkeit abzuführen war.

Tithing als Teil unseres spirituellen Lebens ist aber keine uns auferlegte Verpflichtung, sondern eines jener Werkzeuge, die uns helfen, unser Bewusstsein zu erhöhen und Gott näher zu kommen – wie Meditation, Beten und anderes. Tithing bedeutet, dass man einen gewissen Teil seines Einkommens an Gott ab- oder zurückgibt, und da Er kein eigenes Konto hat, senden wir das Geld dorthin, wo die Quelle unserer Inspiration liegt.

Über die Jahre wurde mir das Tithing mehrfach empfohlen, und jedesmal habe ich es mit einer Mischung aus Freude, Neugier und Sorge zur Kenntnis genommen, ohne dass sich daraus etwas Konkretes entwickelt hätte. Schließlich aber hat es mir geholfen, im Rahmen des Living Discipleship Programms in Ananda Village einmal einen genaueren, tieferen Blick darauf zu werfen, was Tithing eigentlich ist und warum wir gut daran tun, es in unser spirituelles Leben einzubauen.

Tithing unterscheidet sich vom Spenden in einigen wesentlichen Punkten: Zum einen ist es eine regelmäßige, möglichst dauerhafte Verschreibung, die man eingeht, während Spenden für gewöhnlich etwas Spontanes ist. Zum anderen beziehen sich Spenden häufig auf ein konkretes Projekt, während es beim Tithing wichtig ist, das Geld ohne Zweckbindung zu geben (möge Gott entscheiden, wofür Er es verwenden möchte). Und schließlich bezieht sich Tithing auf jene Summe, die wir monatlich einnehmen, während gemeinhin Spenden aus dem bestritten werden, was nach Bezahlen der Rechnungen übrig bleibt.

Ich konnte mich mit dem Tithing tatsächlich erst anfreunden, als mir etwas Wesentliches dazu klar wurde: Wir tun es nicht aus Wohltätigkeit für eine bestimmte Sache, sondern für unser eigenes spirituelles Wohlergehen. Warum ist das so?

Yogananda hat oft betont, dass von drei Versuchungen in der Welt eine besonders starke Kraft ausgeht: Alkohol/Drogen, Sex und Geld/Macht. Aus meiner Sicht fällt dem Geld dabei sogar eine gewisse Sonderrolle zu, denn wir können uns eigentlich nicht aussuchen, ob wir damit zu tun haben wollen oder nicht. Alle, die – ob mittendrin oder nur am Rande – teilnehmen am Leben in der Welt, benötigen dazu Geld. Es ist allgegenwärtig. Und die meisten werden, wenn sie um sich herum oder in ihr eigenes Herz schauen, zugestehen müssen, dass ein ruhiges, ausbalanciertes Verhältnis zu Geld die Ausnahme ist. Es ist eine haarige Angelegenheit.

Nun ist aber Geld ja keine irgendwie mythologische Kraft, sondern, wie Swami Kriyananda oft betont hat, lediglich ein Fluss von Energie, der, wie alles andere auch, den Gesetzen von Karma und Magnetismus gehorcht. Und unser Training in der Meditation, in der Anwendung der Techniken, im Begreifen von Yoganandas Lehren, besonders in den Energie-Aufladeübungen lässt uns immer mehr realisieren, dass jede Art von Energie von Gott kommt. Er hat alles erschaffen, Er erhält alles.

Yoga ist eine spirituelle Wissenschaft, die auf Erfahrung beruht. Es ist das eine, ein philosophisches Konzept mit dem Verstand zu begreifen, aber es ist etwas ganz anderes, dessen konkrete Auswirkungen – und damit die darin enthaltene Wahrheit – selber zu spüren. Und damit gelangen wir mitten ins Herz der Praxis des Tithing. Denn mit ihr lässt sich der Satz: »Herr, alles ist Dein, alles kommt von Dir« konkret machen und die Auswirkung dieser Realisierung fühlen. Wir nehmen einen Teil des Geldes, das ohnehin von Gott kommt, und sagen: »Bitte, Herr, als Symbol meiner Dankbarkeit für alles, das Du mir schenkst, gebe ich diesen Anteil meines Einkommens ab.« Und es hilft zu denken, dass dieser Anteil gar nicht uns gehört – so wie wir ja auch mit der Einkommenssteuer gar nicht erst rechnen können. Tithing, eine Dankbarkeitssteuer an Gott. Freiwillig.

Für viele – auch für mich zunächst – ist es ein leicht beängstigender Gedanke, zum Beispiel 10% des Einkommens abzugeben. Aber wie bei allem auf dem spirituellen Pfad geht es auch beim Tithing nicht primär um eine bestimmte Größenordnung, sondern um die Richtung. Wir sollten mit dem beginnen, womit wir uns wohl oder zumindest nur ganz leicht unwohl fühlen: vielleicht 5% oder auch nur 1%. Wichtig ist, dass die Energie in Fluss kommt. Dass wir beginnen, eine Haltung der Großzügigkeit zu kultivieren. Und wer weiß, vielleicht wirken 10% dann sehr bald gar nicht mehr beängstigend. Und wie sagte ein Devotee so schön humorvoll: Hey, sieh es mal so – wir dürfen 90% behalten!

Ich habe Tithing erst seit gut einem Jahr für mich entdeckt, aber ich bin mir sicher, dass es sehr hilfreich dabei sein wird, das eigene Bewusstsein dafür zu stärken, dass alles von Gott gegeben ist. Dass uns nichts gehört. Es öffnet die Pforte zu jenem schönen Kreislauf von Großzügigkeit und Dankbarkeit. Beim Geld ist es merkwürdigerweise besonders schwer und damit auch besonders heilsam. Es gibt unzählige Beispiele dafür, wie Menschen mit dem Tithing begonnen haben und dadurch große Segnungen erfuhren – nicht zuletzt in Form eines Gefühl von ruhiger Sicherheit. Bei einigen kam das Geld mit dem Tithing sogar erst richtig in Fluss, so dass sie am Ende mehr hatten als zuvor. Nun ja, Gott ist einfach das beste Investment!

»Wenn du einen Teil deines Einkommens an Gott gibst, wirst du feststellen, dass du dich nicht etwa beschneidest, sondern, ganz im Gegenteil, von der Quelle aller Fülle gesegnet wirst: von Gott. Wahre Sicherheit kommt allein von Ihm. Solange du diese Wahrheit nicht verstehst und annimmst, wird dein Weg durchs Leben immer unsicher sein. Doch je mehr du für Ihn lebst, desto mehr wird Er sich auch um dich kümmern – selbst in den kleinsten Details deines Lebens.« Swami Kriyananda

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