Die Befreiung von unseren Reaktionen

Für die meisten Menschen ist mittlerweile offensichtlich, dass wir die Welt verändern müssen. Doch wenn wir uns daran machen, müssen wir uns ehrlich fragen: Was können wir tatsächlich verändern? Auf den ersten Blick scheint es ein fast grenzenloses Panorama an Möglichkeiten zu geben. Wir könnten versuchen, den Kapitalismus zu verändern, indem wir beim Einkaufen die klügsten Entscheidungen treffen. Wir könnten versuchen, die Erderwärmung aufzuhalten, indem wir unser Auto verkaufen und Fahrrad fahren. Wir könnten versuchen, das Verhalten anderer Menschen zu ändern, indem wir sie davon überzeugen, dass ihr Weg in die falsche Richtung führt. Wenn wir jedoch ehrlich auf unsere Möglichkeiten schauen, müssen wir zugeben, dass das Ergebnis all dieser Bemühungen tatsächlich nicht in unseren Händen liegt. Und während all diese oder zumindest einige dieser Ideen zur Weltveränderung an sich gut sein mögen und sogar einen kleinen Unterschied machen können, müssen wir wohl zumindest anerkennen, dass unser Einfluss in diesen Dingen sehr vage und indirekt ist – und in manchen Fällen sogar das Gegenteil von dem bewirken kann, was wir beabsichtigt haben. Schon Michael Jackson hat erkannt, dass das Einzige, was wir wirklich wirksam verändern können, wir selbst sind: „I’m starting with the man in the mirror“.

Wenn wir zu dieser Erkenntnis gelangt sind, haben wir gewiss einen wichtigen Schritt in unserer persönlichen Entwicklung getan. Doch sogleich stellt sich die nächste große Frage: Wie verändere ich mich? Und in welche Richtung? Die Antwort auf diese Fragen ist nicht trivial, und sie ist gewiss nicht für jeden Menschen dieselbe. Es gibt jedoch Elemente dieses Puzzles, die universell gültig und für jeden gleichermaßen hilfreich sind. Und eines davon ist zweifellos, aus dem herauszukommen, was Paramhansa Yogananda den „reaktiven Prozess“ nannte.

Wenn wir betrachten, wie wir gewöhnlich auf das reagieren, was uns im Leben begegnet – seien es Menschen, Ereignisse oder Umstände –, werden wir entdecken, dass die meisten unserer Reaktionen eher automatisch als bewusst und angemessen sind. Es kann sehr leicht passieren, dass „unsere Knöpfe gedrückt“ werden und dies eine völlig vorhersehbare Reaktion auszulöst. Doch wenn wir unsere Reaktionen ehrlich an ihren Ergebnissen messen, müssen wir zugeben, dass sie sehr oft, wenn nicht sogar meistens, weder angemessen noch hilfreich sind. So können wir, wenn wir unsere Arbeit verlieren, mit Wut oder Angst reagieren, nur um später festzustellen, dass dies die Tür zu einer viel besseren Situation oder Möglichkeit im Leben geöffnet hat. Und selbst wenn wir keine bessere Arbeit finden, müssen wir rückblickend erkennen, dass dieser Zustand der Frustration oder Angst nichts dazu beigetragen hat, uns aus einer Situation zu befreien, die so war, wie sie war – unabhängig von unserer Reaktion darauf.

Der reaktive Prozess, also das automatische Auslösen bestimmter Reaktionen jenseits unserer Kontrolle, zeigt sich auch sehr deutlich in menschlichen Beziehungen. Manche Paare verbringen ganze Gespräche in einer Kaskade automatischer Antworten, ohne etwas anderes als verletzte Gefühle daraus zu gewinnen. Auch bestimmte äußere Umstände sind ein Garant dafür, um bei den meisten Menschen sehr vorhersehbare Reaktionen hervorzurufen: Wenn sie Geld gewinnen, sind sie glücklich; wenn sie es verlieren, werden sie niedergeschlagen; wenn sie auf Sonnenschein hoffen und es regnet, sind sie irgendwo zwischen traurig, enttäuscht und wütend; wenn der Zug Verspätung hat, klagen sie; wenn sie sich auf etwas freuen und es sich nicht erfüllt, werden sie ungeduldig; wenn eine weltweite Pandemie ausbricht, reagieren sie mit Angst und/oder weigern sich, die Realität anzuerkennen. Und während all diese Reaktionen verständlich sein mögen und dem entsprechen, was wir als „menschlich“ betrachten, sind sie dennoch in keiner Weise förderlich – sie machen uns zu Gefangenen automatischer, unbewusster Muster, anstatt zu Menschen, die frei und angemessen handeln können. Und vor allem macht uns das Nachgeben gegenüber dem reaktiven Prozess zu passiven Objekten des Geschehens, anstatt zu aktiven Subjekten unseres Lebens.

Wir müssen also die Kontrolle über unser inneres und äußeres Verhalten zurückgewinnen, sodass es nicht länger in den Händen automatischer Reaktionen liegt, die das Ego irgendwann für eine gute Idee hielt (nun, sie waren es – aber als Nahrung für unser Ego). Damit wir dies erreichen können, ist es wichtig, neue Einstellungen und Gewohnheiten zu kultivieren, die im Idealfall in der Lage sind, diese unerwünschten Reaktionen zu abzufangen, sobald sie auftreten – denn je mehr man ihnen freien Lauf lässt, desto mächtiger werden sie. Hier sind einige Möglichkeiten, die uns helfen, wieder das Ruder zu übernehmen:

** Meditiere **

Meditation ist für alle Bereiche deines Lebens von Nutzen. Ich bin überzeugt, dass allein aus der Disziplin und der Energie, die du darin investierst, dich jeden Morgen und Abend hinzusetzen, ein enormes Maß an Ruhe und Kontrolle über dein Leben erwächst. Yogananda sagte, dass Meditation unsere tägliche innige Begegnung mit Gott ist. Aber selbst wenn du damit nichts anfangen kannst – Meditation wird dir gesteigerte Bewusstheit, Freude, Gelassenheit und Energie schenken, und all diese Qualitäten werden dir gewiss helfen, den Herausforderungen des Lebens zu begegnen.

** Praktiziere Hong So **

Die trügerisch einfache Hong-So-Technik ist auf sehr vielen Ebenen hilfreich. Einer ihrer Vorteile ist, dass sie unsere Loslösung von der physischen Ebene stärkt. Ich hatte einmal eine sehr eindrucksvolle Erfahrung mit Hong So: Als ich gerade meinen Platz in einem Flugzeug eingenommen hatte, überkam mich ganz plötzlich ein Anfall von Klaustrophobie. Ich hatte so etwas noch nie erlebt (und seitdem auch nicht mehr), also geriet ich etwas in Panik, ohne zu wissen, wie ich damit umgehen sollte. Glücklicherweise kam mir die Idee, Hong So auszuprobieren – und nach nur etwa 30 Sekunden war der Anfall vorbei und ich war wieder vollkommen entspannt. Hong So hilft uns unter anderem dabei, uns nicht mit dem Körper oder der Persönlichkeit zu identifizieren, was es wesentlich leichter macht, nicht so zu reagieren, wie das Unterbewusstsein programmiert wurde.

** Praktiziere Pranayama **

Pranayama bedeutet wörtlich „Kontrolle der Lebensenergie“, sodass der Bezug zu unserem Thema offensichtlich ist. Während Kriya Yoga als die höchste Technik des Pranayama betrachtet werden kann, gibt es sehr viele weitere Techniken, mit denen du den Energiefluss in deinem Körper steuern kannst – was hauptsächlich durch die Kontrolle des Atems geschieht. Selbst ein paar tiefe Atemzüge, wenn man erschrocken, wütend oder in reaktive Emotionen hineingezogen ist, helfen dabei, sich zu beruhigen und viel freier zu handeln.

** Lass los **

Viel Leid entsteht dadurch, dass wir uns mit unserer Persönlichkeit, den Umständen unseres Lebens oder den Dingen identifizieren, die wir als unser Eigentum betrachten. Je mehr wir uns von dieser Identifikation lösen und uns immer bewusster werden, dass unser wahres Glück darin liegt, uns mit der Freude zu verbinden, die bereits in uns existiert – mit unserem wahren Selbst –, desto weniger sind wir Opfer unserer emotionalen Reaktionen. Sodass wir schließlich, wie Yogananda es ausdrückte, „unerschüttert inmitten des Zusammenbruchs zerberstender Welten“ dastehen können.

** Entwickle eine positive Einstellung und sei dankbar **

Yogananda lehrte, dass die Haltung des Yogis gegenüber dem Leben stets ausgeglichen und heiter sein soll. So versuchen wir, gelassen die Dinge anzunehmen, mit einer positiven, freudvollen Sicht auf das Leben. Energie fließt stets in die Richtung, auf die der Geist ausgerichtet ist. Wenn du immer auf die Probleme und negativen Seiten einer Sache schaust, ist das alles, was du an ihr entdecken wirst. Wenn du hingegen eine positive Einstellung pflegst, wirst du deine Wahrnehmung darauf trainieren, sich auf die positiven Aspekte zu konzentrieren – was dir wiederum eine positive, offene Sicht auf dein Leben schenkt. Und es wird auf einmal ganz natürlich für dich, dankbar zu sein für all die Gaben und Wunder, die sich hinter den Erscheinungen des Lebens verbergen. Du kannst Affirmationen nutzen, um positive Einstellungen fest zu verankern. Und du kannst auch die einfache Technik anwenden, jeden Abend in einem kleinen Tagebuch alle guten Dinge aufzuschreiben, die dir im Laufe des Tages begegnet sind. Positiv und dankbar zu sein wird dir dauerhaftes Glück schenken.

** Werde Kriyaban **

Kriya Yoga ist eine der höchsten Techniken, die uns gegeben wurden, um wirksam die Kontrolle über den Energiefluss im Körper zu erlangen. Kriya verinnerlicht die Energie und hindert sie daran, dein Engagement in den Höhen und Tiefen weltlicher Emotionen und Wünsche zu nähren. Yogananda sagte, es sei das höchste Werkzeug, um sich vom reaktiven Prozess zu befreien.

Manche sagen, dass all die Fehler, Schwächen und negativen Emotionen, die wir zeigen, schließlich „menschlich“ seien. Doch Yogananda lehrte, dass wir im Gegenteil unter ihrem Einfluss noch nicht vollständig menschlich sind. Das bedeutet, wir haben das volle Potenzial für all die wunderbaren Qualitäten noch nicht verwirklicht, die wir in Meistern wie Jesus, Buddha und anderen beobachten können. Je mehr wir also im wahren Sinne menschlich werden, desto mehr entwickeln wir Liebe, Mitgefühl, Gelassenheit und Freude. Und das ist es, was die Welt wirklich zu einem besseren Ort macht.