Es scheint, als würde das Leben ständig hin- und herschwingen zwischen zwei Polen. Auf der einen Seite all das, was Mühe kostet, anstrengend ist, zu dem man sich eher zwingen muss, als dass man es freiwillig tut. Und auf der anderen Seite all jenes, bei dem wir keinen Widerstand spüren, zu dem wir uns nicht nötigen müssen, weil es uns zufällt, denn es erscheint uns beinahe natürlich als das, was uns guttut. In Zeiten, in denen das Phänomen des „Burnout“ fast zu etwas Alltäglichem geworden ist, verlegt sich die Aufmerksamkeit beinahe zwangsläufig auf die Nicht-Arbeit, die Nicht-Anstrengung, den Nicht-Zwang. In verschiedenen Formen versuchen die Menschen, sich der Knochenmühle der Verpflichtungen zu entziehen – manche durch positiv empfundene Aktivitäten, andere durch unbestimmte Inseln der Ruhe, und wieder andere durch diverse Arten des Nichtstuns, die sich meist vom heimischen Sofa aus erledigen lassen.
Mit der Einteilung des Lebens in diese beiden Kategorien gibt es allerdings ein Problem: Wenn wir uns daran erinnern, welche Dinge uns glücklich gemacht haben, lässt sich nicht so einfach sagen, dass es ausschließlich jene waren, die nicht mit Mühe, Arbeit und einem gewissen Maß an Disziplin verbunden waren. Und umgekehrt stellt man fest, dass es Urlaube gab und Stunden im Park und Abende auf der Couch, die uns zwar entspannt und glücklich machen *sollten*, es aber eben nicht getan haben. Meine Erfahrung ist sogar immer mehr, dass häufig genau jene Dinge un-entspannend und un-erfüllend waren, von denen ich dachte, sie wären gerade deshalb hilfreich, weil ich mir mal so richtig eine innere Auszeit gönne.
Unsere Urteile darüber, was uns glücklicher macht und erfüllter, scheinen also nicht immer, vielleicht sogar in den seltensten Fällen zutreffend zu sein. Der Netflix-Abend, den man sich gönnt, weil man doch so viel gearbeitet hat, lässt einen müder und ausgelaugter zurück, als man ihn begonnen hat. Aber das Aufräumen des Kellers, dem man so lange aus dem Weg gegangen ist, hat zwar Mühe gemacht, bringt aber ein Gefühl von Erfüllung mit sich, das am Ende mehr Energie freisetzt als es „gekostet“ hat. Man könnte es auch so formulieren: Gegenüber den Herausforderungen des Lebens haben wir sehr oft den Wunsch, uns zu flüchten in den embryonalen Zustand des Nichts-Tuns, wir wollen uns zurückziehen, uns einrollen, uns vergessen und *endlich zur Ruhe kommen*. Aber die schiere Passivität dieser vermeintlichen Ruhe *nimmt* uns Energie, statt uns neue zu geben. Bieten wir aber dem Leben sozusagen die Stirn, indem wir uns eine aktive, eine sich ausdehnende Haltung bewahren – die sich gar nicht unbedingt in physischer Aktivität ausdrücken muss, sondern vielmehr eine Frage des Ausblicks auf das Leben ist –, stellen wir fest, dass der Zustand oder die Haltung der Aktivität uns gar nicht unserer Energie beraubt, sondern im Gegenteil einen viel größeren Fluss in Gang setzt.
Wenn man nun an etwas denkt, das schön ist und lebendig und aktiv, dann landet man unweigerlich beim Begriff der Freude. Freude ist ein Glück, das sich ausdrückt. Wer an etwas Freude hat, der nimmt auch daran teil, er ist, selbst wenn er nur zusieht oder zuhört, doch aktiv dabei. Freude ist lebendig, ist Bewegung. Und vielleicht ist die Freude, die wir empfinden oder nicht empfinden, der entscheidende Unterschied zwischen dem, was uns wirklich guttut und was nicht. Kann man wirklich sagen, dass man Freude empfunden hat, wenn man vier Stunden vor dem Fernseher saß? Vielleicht ist es tatsächlich manchmal so, aber in der Regel muss man wohl sagen: nein. Das Passive daran, das Selbst-Vergessene taugt maximal zu einer vagen, nebligen Erholsamkeit.
Es gibt noch einen anderen interessanten Punkt. Wenn wir vermuten, dass es uns glücklicher macht, aktiv zu sein als passiv zu bleiben, stellt sich natürlich die Frage, welcher Art diese Aktivität ist. Denn Menschen, die in einem Burnout landen, waren ja sehr aktiv, es hat sie jedoch ganz sicher nicht da hingebracht, wo sie hinwollten. Yogananda sagt: „Seid ruhig aktiv und aktiv ruhig“ – ein Satz, über den nachzudenken sich lohnt. Er löst genau jenes Dilemma auf, mit dem wir begonnen haben. Ruhe und Aktivität sind keine Gegensätze, sie können – und müssen – gleichzeitig vorhanden sein, damit wir ausgewogen leben. Alle unsere Aktivitäten versuchen wir in Ruhe und aus unserer Mitte heraus zu tun, so dass sie uns nicht auslaugen, zermürben und unglücklich machen. Und gleichzeitig ist die Ruhe, die wir suchen, nicht passiv, nicht selbstvergessen betäubt, sondern aktiv und voller Freude. Sie vibriert, dehnt sich aus und erfüllt uns deshalb mit Energie. Dies ist, kann man vielleicht sagen, auch die Natur der Meditation.
Die Yogis begreifen die Lehren des Yoga als Wissenschaft. Sie tun dies, weil diese im Labor des eigenen Lebens wie Experimente durchgeführt werden können und mir anhand konkreter Resultate zeigen, dass sie wahr sind. Diese Beschreibung hat mich immer sehr angezogen, weil ich nicht gebeten bin, unüberprüfbare Dogmen zu glauben, sondern selber aufgerufen bin, zu experimentieren und die Ergebnisse zu erleben. Genau so sollte man es auch mit der Frage von Ruhe und Aktivität halten: Probiert es aus und schaut, ob es Euch nicht tatsächlich glücklicher macht – seid auf ruhige Weise aktiv und auf aktive Art ruhig.